Herzverbundensein – ein Wort und seine Geschichte

 

Manche Worte begleiten uns über Jahre. Sie entstehen in einer bestimmten Lebensphase, bekommen Bedeutung, verändern sich mit uns – und manchmal verstehen wir erst viel später, wofür sie eigentlich standen.

Herzverbundensein ist für mich ein solches Wort.

Es wurde zu einem Namen für meine Arbeit, für meinen Podcast und für vieles, womit ich mich über Jahre beschäftigt habe. Und auch wenn ich heute manches anders sehe und anders benenne, gehört dieses Wort zu meinem Weg.

 

Entstanden in einer Zeit, in der vieles wegfiel

Als ich 2020 gerade mit meiner Selbstständigkeit begonnen hatte, kam der erste Lockdown.

Es gab Pläne, Kooperationen, Veranstaltungen und Vorstellungen davon, wie sich meine Arbeit entwickeln könnte. Vieles davon brach innerhalb kürzester Zeit weg.

Was damals geschah, möchte ich im Rückblick nicht romantisieren.

Nicht jede Krise ist eine Chance. Nicht jede Enttäuschung trägt eine verborgene Botschaft in sich. Und nicht alles, was scheitert, musste scheitern, damit etwas „Besseres“ entstehen konnte.

Manches ist schlicht schwierig. Manches tut weh. Manches hätten wir uns anders gewünscht.

Und trotzdem können solche Zeiten Fragen aufwerfen.

Bei mir waren es Fragen danach, was mir wirklich wichtig ist. Woran ich mich orientiere, wenn vertraute Pläne nicht mehr tragen. Wie viel meines Lebens aus Erwartungen, Vorstellungen und übernommenen Bildern besteht – und woran ich eigentlich merke, was für mich selbst stimmig ist.

In dieser Zeit tauchte das Wort Herzverbundensein auf.

 

Was ich damals darin gesucht habe

Herzverbundensein war für mich zunächst eine sehr intuitive Beschreibung.

Es meinte die Verbindung mit mir selbst. Mit meiner Wahrnehmung. Mit meinem Körper. Mit dem, was ich fühle und brauche. Mit anderen Menschen und mit dem Leben, das sich nicht vollständig planen und kontrollieren lässt.

Damals habe ich vieles davon stärker spirituell gedeutet als heute.

Ich sprach von Seele, Heilung, innerer Wahrheit und davon, dass bestimmte Erfahrungen vielleicht notwendig seien, um zu sich selbst zurückzufinden.

Diese Sprache gehörte zu dieser Phase meines Lebens. Heute bin ich vorsichtiger damit geworden.

Nicht weil ich spirituelle Erfahrungen geringschätze. Meditation, Yoga und buddhistische Psychologie begleiten mich seit vielen Jahren und haben meine Sicht auf das Leben wesentlich geprägt.

Aber ich möchte aus persönlichen Erfahrungen keine allgemeingültigen Wahrheiten ableiten.

Ein inneres Gefühl ist zunächst ein inneres Gefühl. Eine schwierige Lebensphase muss keine Botschaft enthalten. Eine Erkrankung braucht keine seelische Bedeutung. Und auch das, was sich im Rückblick stimmig zusammenfügt, muss deshalb nicht von Anfang an einem größeren Plan gefolgt sein.

Diese Offenheit ist mir heute wichtig.

 

Was von Herzverbundensein geblieben ist

Trotzdem ist das Wort für mich nicht leer geworden.

Vielleicht ist seine Bedeutung sogar schlichter geworden.

Herzverbundensein heißt für mich heute nicht, eine verborgene Wahrheit in mir finden zu müssen.

Es bedeutet eher:

mich selbst nicht aus den Augen zu verlieren.

Mitbekommen, was in mir geschieht.

Meine Wahrnehmung ernst nehmen, ohne sie für unfehlbar zu halten.

Eigene Bedürfnisse und Grenzen wahrnehmen, ohne daraus die Forderung abzuleiten, dass das Leben ihnen immer entsprechen müsste.

Den Verstand nicht gegen das Gefühl auszuspielen.

Widersprüche aushalten zu können.

Mich mit anderen Menschen verbunden zu fühlen, ohne mich selbst dafür verlassen zu müssen.

Und Entscheidungen möglichst bewusst zu treffen – im Wissen darum, dass es nicht immer die eine richtige Entscheidung gibt.

Vielleicht liegt darin heute für mich die Verbindung zwischen Herzverbundensein und Selbstführung.

Selbstführung bedeutet für mich nicht Selbstkontrolle. Sie verlangt auch nicht, ständig an sich zu arbeiten, sich zu optimieren oder jede innere Regung zu analysieren.

Sie beginnt viel früher: bei der Fähigkeit, mit sich selbst in Kontakt zu bleiben.

 

Auch ein Lebensweg darf sich verändern

Mein beruflicher Weg der vergangenen Jahre war alles andere als geradlinig.

Ich habe gekocht und Ayurveda unterrichtet. Ich habe Yoga und Meditation vermittelt, geschrieben, Podcasts aufgenommen, Gruppen begleitet und einen Praxisraum eröffnet. Ich habe Ideen verfolgt, von denen einige getragen haben und andere nicht.

Lange hatte ich den Wunsch, daraus eine zusammenhängende Geschichte machen zu können.

Heute muss ich das nicht mehr.

Nicht jede Station braucht nachträglich eine tiefere Bedeutung, damit sie ihren Platz haben darf.

Der Praxisraum, den ich 2025 aufgegeben habe, war beispielsweise mit viel Hoffnung verbunden. Dass diese Hoffnung sich nicht so erfüllt hat, wie ich es mir gewünscht hatte, darf auch einfach eine Enttäuschung sein.

Und trotzdem habe ich dort Erfahrungen gemacht, Menschen begleitet und etwas gelernt.

Beides kann gleichzeitig wahr sein.

Vielleicht besteht Reife manchmal weniger darin, für alles eine Erklärung zu finden, als darin, die eigene Geschichte in ihrer Widersprüchlichkeit stehen lassen zu können.

 

Ein Wort darf mitwachsen

Heute steht Herzverbundensein nicht mehr als Name über meiner Arbeit.

Aber das, was ich einmal darin gesucht habe, erkenne ich noch immer.

Verbindung statt Selbstverlust.

Wahrnehmung statt permanenter Selbstkorrektur.

Orientierung, ohne einfache Antworten zu versprechen.

Freundlichkeit mit sich selbst, ohne das Leben schönzureden.

Und vielleicht auch ein wenig mehr Demut gegenüber all dem, was wir nicht wissen.

So betrachtet ist Herzverbundensein für mich keine Wahrheit, die ich gefunden habe.

Es ist ein Wort, das mich eine Weile begleitet hat.

Und ein Teil davon begleitet mich noch immer.

 

Herzlichst,

deine Anita