Mein/e Liebe/r,

heute geht es in meiner Artikelserie „Klartext“ um: die Alternativmedizin.

Als bekennende Freundin von Klarheit und naturwissenschaftlichem Denken habe ich heute einen kontroversen Blick auf die Begrifflichkeiten „Alternativmedizin“ und „Schulmedizin“ geworfen. Bei aller Begeisterung für naturheilkundliche Methoden, die die Selbstheilungskräfte aktivieren, bzw. unterstützen können, wie auch der Ayurveda, bleibe ich aufgrund meines technischen / naturwissenschaftlichen Backgrounds gern auf dem Teppich, will heißen: bei den Fakten.

Bitte verstehe mich richtig: ich schätze die Möglichkeiten des Ayurveda sehr; nicht zuletzt, weil auch ich sehr gute Erfahrungen damit gemacht habe. Die indische Heiltradition schenkt den Menschen so viele wunderbare Impulse zu Selbstfürsorge. Bei aller Euphorie jedoch versuche ich gleichzeitig stets differenziert und mit ruhigem Puls auf die naturheilkundlichen Methoden zu schauen. Um klar zu haben: wo sind ihre Stärken und wo ihre Grenzen.

Wie bereits in einer der letzten Artikel klargestellt, ist der Ayurveda in Indien mit der konventionellen, akademischen Medizin gleichgestellt. Obwohl er zusammen mit dem TCM zu den ältesten Heiltraditionen der Menschheit gehört und als solche von der WHO angesehen wird, ist der Ayurveda in Deutschland jedoch bislang NICHT als wirksame Heilmethode / Therapie anerkannt.

Grund dafür ist die bislang noch unzureichende Studienlage. Für wissenschaftliche Studien nach westlichem Standard (randomisiert / doppelblind / Placebo-kontrolliert) braucht es natürlich entsprechende finanzielle Mittel, die die westlichen Vertreter der Ayurvedamedizin selten aufbringen (können).

Darüber hinaus lassen sich gerade die Stärken des Systems, die individuellen und dynamischen Therapiekonzepte nicht leicht in westliche Studienmodelle eingliedern. Denn: was bei Placebo-Kräutermedizin und Placebo-Ölen noch gut funktioniert, hört spätestens bei Placebo-Ernährung, -Massagen, -Ausleitungen oder Placebo-Yoga auf. Hier wird an einem ganzheitlich angelegten Studiendesign gearbeitet.

Noch mal zur Klarstellung: Ayurveda ist ein naturheilkundliches System, dessen Fokus auf, bzw. dessen Stärke in der Prävention und Gesundheitspflege sowie der Behandlung von chronischen Erkrankungen mit Schwerpunkt auf Lebensstil-Korrekturen liegt. Hier konnten in der klinischen Medizin mit dem Ayurveda als komplementäre Methode bereits gute Erfahrungen verzeichnet werden. Am Immanuel Krankenhaus in Berlin (ein Teil der Charité Hochschulambulanz für Naturheilkunde und Integrative Medizin) wird fleißig daran geforscht, so dass in Zukunft weitere zuversichtlich-stimmende Ergebnisse zu erwarten sind.

Im Falle von akuten oder schweren und lebensbedrohlichen Erkrankungen jedoch, gibt es keine Alternative zur akademischen Medizin, insbesondere bei so komplexen Erkrankungen, wie dem Krebs. So gesehen finde ich persönlich die Bezeichnung „Alternativmedizin“ schwierig. Denn im Falle einer schweren Erkrankung wäre eine rein naturheilkundliche Behandlung vorsichtig formuliert äußerst riskant und unklug. Um mit den Worten von Eckhart von Hirschhausen zu sagen: wenn du ein Haus bauen willst, gehst du auch nicht zum Alternativ-Architekten. Genauso wenig bringst du dein defektes Auto in die Alternativ-Kfz-Werkstatt.

Aber: das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden.

Mein Wunsch wäre, dass die naturheilkundlichen Verfahren noch besser erforscht werden, damit Wissen und Weisheit Hand in Hand gehen – um den Menschen bestmöglich zu helfen, gesund zu bleiben oder gesund zu werden. Schließlich verändert und entwickelt sich auch die Natur in jedem Augenblick weiter. Deshalb ist es nur logisch, dass sich auch Naturheilverfahren weiter entwickeln dürfen. Die anti-fortschrittliche, bzw. anti-wissenschaftliche Haltung in der HP-Szene verstehe /teile ich persönlich gar nicht. Null. 

Der Ayurveda hat sehr viel mehr Freude an der Gesundheit & Gesundheitspflege als an der Krankheit. So bleibt mein Fokus auf der frei übersetzen Definition von Gesundheit im Ayurveda: Ein Mensch, der in sich selbst ruht, lebt im Einklang mit seiner Natur und seinem Umfeld; er versteht was ihn gesund hält und was in krank macht und handelt danach. Dazu benötigt er eine stabile und gesunde(te) Beziehung zu sich selbst – und dabei braucht der moderne, zumeist über-gestresste Mensch Unterstützung.

Kommen wir nun zum zweiten Begriff: „Schulmedizin“. Vielleicht ist dir aufgefallen, dass ich den Begriff außer in der Überschrift in meinen Texten nicht verwende. Und das hat folgende Gründe.

Der Begriff „Schule der Mediziner“ tauchte erstmals 1832 auf. Geprägt wurde er von Samuel Hahnemann, dem Begründer der Lehre der Homöopathie. Hahnemann bezeichnete all jene so, die seiner Theorie, nämlich Gleiches mit Gleichem erfolgreich zu behandeln, kritisch gegenüberstanden. Einer seiner späteren Anhänger, der Laienhomöopath Heinrich Milbrot, setzte 1880 „Schulmedizin“ als Kampfbegriff ein, um die damalige etablierte Medizin abzuwerten. Nachdem die Medizin in der ersten Hälfte des 20. Jhd. große Fortschritte machte, u.a. mit der Entdeckung des Penicillins und Insulins sowie der Entwicklung von Impfstoffen gegen Diphterie, geriet sie bei den Nationalsozialisten immer mehr in Verruf.

Der Begriff der „Schulmedizin“ wurde von den Nazis wiederbelebt und sollte von Anfang an Zweifel zu der bis dahin etablierten, akademischen Medizin schüren. Parallel trugen die Nazis damals maßgeblich dazu bei, dass die Alternativmedizin einen Aufwind erhielt. Schon 1933 wurde im Ärzteblatt für eine „ganz neue, deutsche Heilkunst“ plädiert. Die Nationalsozialisten werteten alternative medizinische Methoden auf, um jüdischen ÄrztInnen das Arbeiten zu erschweren. Die „verjudete Schulmedizin“ wurde damals zum Kampfbegriff, um jüdische MedizinerInnen aber auch um wissenschaftliche Verfahren zu diskreditieren. Daraufhin wurden jüdische ProfessorInnen aus ihren Arbeitsstellen vertrieben. Später nach den Nürnberger Gesetzen wurden Menschen mit jüdischer Abstammung untersagt, ärztlich tätig zu sein; auch durften sie nicht mehr von ÄrztInnen nichtjüdischer Herkunft behandelt werden.

Zusätzlich wurde das damalige Heilpraktiker-Recht verschärft, damit jüdische ÄrztInnen auch nicht mehr als Heilpraktiker arbeiten durften. Diese Ausgrenzung und die massenweise Ermordung jüdischer ÄrztInnen führten später zu einem weit nach Kriegsende spürbaren Versorgungsmangel. Da das Heilpraktikergesetz in Westdeutschland weiterhin bestand hatte, konnten auch Menschen, die nicht Medizin studiert hatten, Behandlungen anbieten. Damit konnten die Lücken in der Medizinischen Versorgung geschlossen werden – was aber auch heute noch dafür sorgt, dass HeilprakterInnen als gleichwertige Alternative zu HausärztInnen wahrgenommen werden.

Die Verwendung des Begriffs Schulmedizin bekommt vor dem historischen Hintergrund einen bitteren Beigeschmack. Zudem impliziert der Begriff, dass es sich bei der Schulmedizin um eine angestaubte Lehre handele. Die Alternativmedizin hingegen wirkt frisch und unkonventionell. Beim genaueren Hinsehen ist das Gegenteil der Fall. Die wissenschaftsbasierte Medizin entwickelt sich unentwegt weiter, wohingegen jahrtausendealte Heiltraditionen wie der TCM oder TIM größtenteils an den überlieferten Methoden festhalten und sich nur langsam weiterentwickeln. Ein Lichtblick ist, wie eingangs beschrieben, dass an den Naturheilverfahren geforscht wird und es mittlerweile zuversichtlich stimmende Ergebnisse gibt. Bei der Homöopathie hingegen gibt es keine wissenschaftlichen Hinweise auf die Wirksamkeit.

Aus heutiger Sicht würde ich mir wünschen, dass wir aufhören von Alternativ- und Schulmedizin zu sprechen. Uns stattdessen mehr darauf konzentrieren, was nachweislich wirksam ist. Ich wünsche mir, dass das Heilpraktikergesetz reformiert wird sowie eine vereinheitlichte und fundierte Ausbildung in naturheilkundlichen Verfahren inkludiert wird. Ich hoffe, dass das Heilwissen alter Kulturen weiter und umfänglicher erforscht wird, um herkömmliche Methoden noch mehr mit Naturheilverfahren zu ergänzen. Und ich wünsche mir, dass Mitgefühl, Zuwendung und Wissensvermittlung eine größere Bedeutung im (leider) profitorientierten Gesundheitswesen bekommt.

Wie siehst du das? Was sind deine Gedanken dazu?

Hab einen wunderbaren Tag,

deine Anita 🙏🏻💚

.

Quelle: medwatch.de

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Name *